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Zeliha Dikmen

Zeliha Dikmen

Zeliha Dikmen, 49 Jahre, ist Diplom-Informatikerin (FH) und arbeitet als „Project Expert - Development“ bei SAP. Nebenbei engagiert sie sich für die „Frankfurter Initiative progressiver Frauen“. Zeliha Dikmen ist seit gut 15 Jahren allein erziehend. Ihr Sohn (22) hat Abitur gemacht und ist derzeit im Volontariat einer Gewerkschaftszeitung. Ihre Tochter (20) studiert Informatik an einer Fachhochschule. Zeliha Dikmen kam mit acht Jahren mit ihren Eltern und drei Geschwistern aus der Türkei nach Deutschland. Sie kam in die dritte Klasse und wechselte nach der Grundschule auf die Hauptschule. Aufgrund ihrer guten Noten in Mathe setzten sich eine Lehrerin und eine Freundin der Eltern für ihren Wechsel auf die Realschule ein. Einzige Bedingung: Sie musste die sechste Klasse wiederholen. Da sie nach der Mittleren Reife keine Empfehlung für die Oberstufe bekommen hatte, begann sie eine Ausbildung zur Groß- und Einzelhandelskauffrau, die sie jedoch nach zwei Monaten abbrach. „Das war für mich ein ganz entscheidender Schritt.“

Liebe Frau Dikmen, Sie haben Informatik studiert – war es ein langer Weg bis dahin?
Nach der abgebrochenen Ausbildung habe ich einen Lehrgang für Organisationsprogrammierung beim Berufsfortbildungswerk besucht. Nach diesem einen Jahr habe ich dann gemerkt: Das  gefällt mir! Und ich bin direkt von einer amerikanischen Bank im Bereich EDV-Operation eingestellt worden, um im administrativen Bereich zu arbeiten.

Ihr erster Job, mit 18 Jahren.
Richtig. Das habe ich dreieinhalb Jahre gemacht – und dann habe ich meinen damaligen Mann kennen gelernt, der in Aachen wohnte ...  Ich bin dann nach Aachen gezogen und habe dort mein Fachabitur gemacht.

Da waren Sie dann 22 Jahre alt.
Richtig. Da es nach dem Fachabitur im Aachener Raum schwierig war, einen Job zu finden, sind wir nach Frankfurt zurückgegangen. Dort habe ich dann bei einer anderen amerikanischen Bank im Bereich EDV und Kommunikation eine Anstellung gefunden. Nach zwei Jahren gab es dort interne Umstrukturierungen und ich habe mich gefragt, was mache ich jetzt, und habe mich an die Studienberatung der FH Frankfurt gewandt: Ich wollte ein BWL-Studium beginnen, da war der NC jedoch relativ hoch. Aber die FH war gerade dabei, einen Informatik-Studiengang aufzubauen, indem man als einen Schwerpunkt im Hauptstudium BWL wählen konnte. Und schon damals hieß es: Wir brauchen weibliche Informatikerinnen!

Und so studierten Sie schlussendlich Informatik.
Ja, und ich habe es schnurstracks durchgezogen. Es hat sehr viel Spaß gemacht.

Und, wie viele Frauen waren in Ihrem Semester?
Wir waren zwei Frauen von insgesamt 52 Studierenden. Im zweiten Semester kam dann noch eine dritte Frau dazu. Wir haben alle drei abgeschlossen: Eine 100-prozentige Erfolgsquote. Alle Professoren kannten uns mit dem Namen – das war toll.

Würden Sie sagen, es war ein Vorteil allein unter vielen Männern …?
Ob das ein Vorteil war, weiß ich nicht. Der harte Kern war hinterher wie eine Schulklasse. Wir waren 30 Studierende. Und als Frau ist man dann eben unter Jungs – den Gesprächsstoff muss man mitmachen, da darf man sich als Frau nicht genieren und auch nicht abgrenzen.

Inwieweit waren hier Ihre Eltern bei der Berufswahl wichtig? Haben sie Sie inhaltlich unterstützt?
Meine Eltern sind einfache Arbeiter und sprachen zu der Zeit kaum Deutsch. Meine Eltern haben mich finanziell unterstützt, aber inhaltlich konnten Sie mich gar nicht unterstützen.

Dann haben Sie sich schulisch und beruflich permanent selbst orientiert?
Ja – und für mein Studium war die Erkenntnis aus dem Berufsleben sehr wichtig. Ich habe nicht sofort gewusst DAS  will ich werden. Das habe ich erst durch meine praktischen Erlebnisse erfahren. Ich wusste, eine Ausbildung ist wichtig, aber ein Studium ist noch wichtiger, um Karriere zu machen. Dabei ist auch relativ unwesentlich, aus welcher Ecke das Diplom dann kommt. Wichtiger ist es, das man in der Lage ist, sich Themen zu widmen und diese dann entsprechend durchzuziehen.

Hätten Ihnen ein Projekt wie der Girls’Day damals weitergeholfen?
Wenn es damals so eine Möglichkeit gegeben hätte, man schneller an spezielle Informationen gekommen wäre, das wäre schon toll gewesen ... dann wäre ich sicherlich ein bisschen früher dahin gekommen. Der Weg, den ich gegangen bin, war ein bisschen mühevoller aber nicht unbedingt schlecht für mich. Dieser Wille, einen guten Job, der mir auch noch Spaß macht, zu bekommen, war sehr stark bei mir.

Stichwort Karriere: Die hatten sie ganz klar vor Augen?  
Dahinter steckte natürlich auch den finanzielle Aspekt: Ich wusste, was andere geschafft haben, kann ich auch. Aber ich wusste auch, dass ich kein Diplom vorweisen kann. Das wollte ich haben.

Und heute sind Sie Project Expert Development bei der SAP ...
Klingt gut oder (lacht) …

... Ja. Vielleicht können Sie einmal kurz beschreiben, was Sie in Ihrer Funktion genau machen.

Ich bin Projektmanagerin und im Rahmen des sogenannten SAP Customer Connection Programms verantwortlich für zwei Teilprogramme in meinem Zuständigkeitsbereich. Es handelt sich um Softwareentwicklungsprojekte, die von SAP Anwendern beantragt und SAP-seitig geplant und durchgeführt werden. Dabei verfolgen wir das Ziel, mit Hilfe unserer Kunden unsere Standardsoftware zu verbessern und funktionale Lücken zu schließen, sodass die tägliche Arbeit der Anwender besser unterstützt wird.

Sind Sie beruflich da angekommen, wo Sie hinwollten, oder geht es noch weiter?
Ich hoffe, es geht weiter (lacht). Beruflich angekommen klingt ein bisschen nach: Ich habe abgeschlossen ... Die Frage hat sich mir nie gestellt. Dass ich mich so entwickelt habe, wie ich mich entwickelt habe, hat sehr stark damit zu tun, dass ich bei meinem ersten Arbeitgeber in meinem Vorgesetzten eine Art Mentor hatte.

… der Sie unterstützt hat.
Ja. Er hat gewisse Potenziale bei mir erkannt. Er hat mich mit Seminare ausgestattet und gesagt: „Du kannst gut mit Menschen umgehen, du musst viel näher am Kunden sein. Programmierer habe ich genügend, die kann man einsperren und die produzieren auch was – aber es gibt nur wenige Menschen, die ich zu Kunden schicken kann, die auch die Kunden verstehen. Und da gehörst du hin“, meinte er. Es war nicht so, dass ich gesagt habe: Ich studiere Informatik und mache Karriere. Ich wollte einfach, dass ich für den Job, den ich mache auch ordentlich bezahlt werde.

Es ist immer noch so, dass sich wenige Frauen für diesen Bereich entscheiden. Von den Führungspositionen mal ganz abgesehen – was meinen Sie, woran das liegt?
Ich weiß nicht genau, woran das liegt. Ich habe diese Förderung Dank meines Vorgesetzten bekommen und später sogar die Geschäftstelle Frankfurt geleitet. Ich glaube, dass das in kleinen, mittelständischen Unternehmen schon gut möglich ist. In größeren Unternehmen sind die die Hierarchien anders. Bis man da als Frau weit nach oben kommt, dauert. Sie brauchen die Erfahrung, sie brauchen viel mehr Zeit um voran zu kommen, sie brauchen viel, viel mehr persönliches Engagement, um überhaupt gesehen zu werden.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Sicher auch an der Einstellung der Frau. Es stimmt schon, dass wir uns zum Teil unter Wert verkaufen. Wenn uns jemand ein Lob macht, sagen wir, das ist doch selbstverständlich. Ein Mann schmückt sich damit. Er trägt die Lorbeeren über eine lange Zeit noch nach außen ... Wir zeigen auch nicht so sehr, dass wir einen gewissen Posten haben, wir wollen vielmehr gesehen werden.

Sie sind nicht nur eine Frau, in einem eher ungewöhnlichen Job. Sie haben außerdem einen Zuwanderungshintergrund ...
Ich denke, dass es gerade hier Vorbilder braucht. Ich hatte keine Vorbilder im Sinne von der Vorzeige-Informatikerin. Aber es gab Freunde meiner Eltern, die waren sehr eigenständig – ja, sie waren einfach tolle Frauen, die eine gute Ausbildung hatten oder die studiert hatten. Was diese Frauen gemacht haben, hat mich fasziniert. Diese Vorbilder um meine Eltern herum waren sehr hilfreich für mich, mich zu orientieren. Was willst du später, möchtest du den klassischen Weg gehen, den andere Türken gehen? Das war ja klar, dass ich das nicht wollte – schon dadurch, dass ich meine Ausbildung abgebrochen habe. Ich wusste nicht welchen Weg ich gehe, ich wusste nur: Er musste anders sein.

Und darin wurden Sie unterstützt?
Ja, und: Ich hatte keine Barrieren. Von mir wurde nicht verlangt, dass ich schnell arbeite, Geld verdiene und heirate. Ich habe geheiratet, recht früh, ich habe mich auch recht früh von meinem Elternhaus gelöst. Aber das geschah alles im Einklang mit meinen Eltern, die immer auf meine Entscheidungen vertraut haben, und es immer noch tun.

In Ihrem Fall geht es gut Karriere und Familie zu vereinbaren.
Ja. Ich bin so gut strukturiert, dass ich meine Kinder sogar in den Semesterferien bekommen habe. Ich wollte immer Kinder und wollte aber auch einen guten Job. Für mich stellte sich nie die Frage entweder das eine oder das andere. Es war für mich immer ein paralleler Weg. Dass das hart werden würde, war mir klar – aber die familiäre Unterstützung war gegeben.

Und, Sie sind das Vorbild Ihrer Tochter.
Ich glaube, dass ich inzwischen schon ein Vorbild für meine Tochter bin, obwohl es in den vergangenen Jahren nicht so aussah. Mein Umfeld empfand das auch so: Die Übermutter, die alles unter einen Hut bekommt, die alles weiß und alles schafft – das schüchterte sie ein.

Sie meinen, das ist zuviel des Guten.
Ich glaube schon, Kinder versuchen sich in ihrer Orientierungsphase abzugrenzen, um ihre eigene Wege zu gehen.

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