Meinolf Padberg ist Berufsorientierungs-Koordinator an der Möhnesee-Schule (Verbundschule von Haupt- und Realschule) in Möhnesee. Bereits dreimal wurde diese Schule für ihr Sieben-Säulen-Berufsorientierungsmodell mit dem 1. Bundespreis prämiert. Über seine Lehrertätigkeit hinaus engagiert sich Herr Padberg im Arbeitskreis Berufsorientierung des Kreises Soest, dessen Leiter er ist.
Seit wann beteiligen Sie sich am Girls’Day – Mädchen-Zukunftstag?
Unsere Schule beteiligt sich seit 2003 am Girls’Day.
Wie haben Sie den Tag organisiert? Wie haben Sie die Vor- und Nachbereitung des Girls’Days gestaltet?
Etwa sechs bis acht Wochen vor dem Girls’Day werden unsere Schülerinnen durch große Plakate im Eingangsbereich der Schule auf den herannahenden Girls’Day aufmerksam gemacht. Lehrerinnen und Lehrer informieren vor allem neue Schülerinnen in den 5. Klassen über den Girls’Day. Besondere Informationen und schriftliches Info-Material – auch für die Eltern – gibt es beim Berufsorientierungs-Koordinator. Dort holen sich die interessierten Mädchen auch die Freistellungsanträge ab und geben sie rechtzeitig ausgefüllt wieder zurück. Einige Tage vor Beginn des Girls’Days erhalten die Mädchen Teilnahmebestätigungen zur Mitnahme in den Betrieb, außerdem einen Bogen zur Arbeitsplatzerkundung. Nach dem Girls’Day geben die Mädchen – zumeist mit großer Begeisterung – in der Klasse Rückmeldung über ihre Erfahrungen, über den erlebten Beruf und den Arbeitsplatz. In den Klassen 5 und 6 wird dazu auch unser Projekt "Starke Seiten“ genutzt, das ausführlich auf
www.starke-seiten.net mit allen Materialien im Downloadbereich kosten- und werbungsfrei zur Verfügung steht. Die Schülerinnen nutzen Formblätter des Projekts und dokumentieren den Girls’Day in ihrer Mappe „Starke Seiten“, geben außerdem ihren Mitschülerinnen und Mitschülern in der „Arena der unbegrenzten Möglichkeiten“ Auskunft über ihre gezeigten Stärken.
Wie haben die Mädchen ihre Plätze gefunden? Haben Sie Kontakte zu Betrieben aufgebaut? Haben Sie mit einem regionalen Arbeitskreis des Girls’Days zusammengearbeitet?
Die Mädchen finden ihre Plätze teilweise durch Nachfragen über Betriebsangehörige im Verwandten- und Bekanntenkreis sowie in der Nachbarschaft. Manche gehen auch direkt zu Betrieben und fragen dort nach. Wieder andere finden über die Girls’Day-Homepage einen Betrieb. Manchmal fragt auch der Berufsorientierungs-Koordinator direkt bei den Firmen an.
Hatte der Girls’Day „Nachwirkungen“?
Der Girls’Day ist an unserer Schule fest etabliert. Die guten Erfahrungen, die positiven Rückmeldungen der Schülerinnen in den letzten Jahren haben diese Nachhaltigkeit möglich gemacht. In den letzten Jahren bieten wir weitere Praktika im handwerklich-technischen Bereich für Mädchen an, die gut angenommen werden.
Welche Rolle spielt der Girls’Day an Ihrer Schule? Wie wird Berufsorientierung an Ihrer Schule umgesetzt?
Berufsorientierung hat an unserer Schule einen sehr hohen Stellenwert. In unserem mit drei
1. Bundespreisen prämierten Sieben-Säulen-Berufsorientierungsmodell (siehe www.starke-seiten.net und www.moehneseeschule.de ) ist der Girls’Day der am frühesten einsetzende Baustein in der Säule „Praktika“. Die Berufsorientierung zieht sich durch alle Schuljahre und geht mit ihrem Angebot einer nachschulischen Betreuung über die Schulzeit hinaus.
Was raten Sie anderen Lehrerinnen und Lehrern, die den Girls’Day an ihrer Schule durchführen möchten?
Wenn in der Schule frühzeitig auf den Girls’Day aufmerksam gemacht wird (z.B. durch Plakate, persönliche Ansprache in den Klassen), wenn Lehrerinnen und Lehrer den Schülerinnen Gelegenheit geben, über ihre Erfahrungen zu berichten, wenn ihnen dabei Interesse, Aufmerksamkeit und Anerkennung entgegengebracht wird, so entsteht eine schulische Atmosphäre, in der der Girls’Day als eine Aktion der Stärke erlebt wird.
Wie kann verhindert werden, dass Mädchen ihre Fähigkeiten in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern unterschätzen? Welche Maßnahmen werden dazu an Ihrer Schule ergriffen?
Eine bessere Einschätzung ihrer mathematisch-naturwissenschaftlichen Fähigkeiten kann bei Mädchen möglicherweise dadurch erreicht werden, indem sie schon sehr frühzeitig, z.B. bereits in Kindertageseinrichtungen, auf eine altersgerechte, stärkenorientierte, spielerische Weise experimentieren, ihre Ergebnisse fotografisch dokumentieren, darüber in der Gruppe berichten und so gleichzeitig ihr Selbstbewusstsein stärken. Da gibt es in vielen Bundesländern schon vielversprechende Ansätze.
So können tradierte Interessenmuster verändert werden: durch die individuelle, praktische Erfahrung, durch Anerkennung, durch das Gefühl des Gelingens, des Könnens, der Stärke.
An unserer Möhnesee-Schule präsentieren Mädchen im Projekt „Starke Seiten“ bereits im 5. Schuljahr z.B. selbst gebaute Modelle der Lego-Technik, stellen naturwissenschaftliche Versuche aus Experimentierkästen vor oder berichten von der technischen Ausbildung bei der Jugendfeuerwehr. Auch später, etwa ab Klasse 8, nehmen die Mädchen – ganz selbstverständlich – an handwerklichen und technischen Praktika unserer Kooperationspartner teil. Mädchen der Klasse 10 engagieren sich in einer Schülerfirma. In dieser Firma haben sie ein großes Partyzelt gebaut (für 40 Personen) und verleihen dieses nun.
Warum sollte es Ihrer Meinung nach einen Girls’Day geben?
Der Wert des Girls’Days liegt zum einen darin, dass Mädchen schon früh ihr Spektrum an möglichen Berufen erweitern und auch andere, nicht typische Berufe, in ihre Überlegungen einbeziehen. Zum anderen wird Mädchen bewusst gemacht, dass sie viel mehr Stärken haben als sie denken. Der Girls’Day ermöglicht Könnens-Erfahrungen und trägt zum Selbstbewusstsein und zur Motivation der Mädchen bei. Selbstbewusstsein ist wiederum eine grundlegende Voraussetzung, um sich später in die von Jungen dominierten Berufe mit den Schwerpunkten Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik (so genannte MINT-Berufe) hineinzubegeben.
Was haben die Jungen am Girls’Day gemacht?
Parallel zum Girls’Day ermöglichen wir den Jungen unserer Möhnesee-Schule seit dem Jahr 2004 einen "Jungen - Aktionstag", an dem sie praktische Erfahrungen in "mädchentypischen" Berufen sammeln können, wie Erzieher, Altenpfleger, Friseur.
Für die Jungen gibt es außerdem in der Schule die Möglichkeit, an 10 Stationen - betreut durch Lehrer, Eltern und Mädchen älterer Jahrgänge - den "Haushalts-Helfer-Pass" der Möhnesee-Schule zu erwerben.
Wie sehen die Berufswünsche der Jugendlichen an Ihrer Schule aus? Beobachten Sie Veränderungen im Berufswahlverhalten durch Aktionen wie den Girls’Day oder Neue Wege für Jungs?
An Hauptschulen sind die Jungen meist in der Überzahl, so auch bei uns. Die Berufswünsche gehen bei ihnen verstärkt in den handwerklichen, industriell-technischen Bereich sowie hier im ländlichen Bereich in den Garten- und Landschaftsbau sowie in den Bereich der Gastronomie. In den letzten Jahren ist eine Zunahme von Berufswünschen der Jungen in Richtung Pflegeberufe zu verzeichnen (Alten- und Krankenpflege).
Viele unserer Mädchen streben – nach wie vor – Berufe im sozial-gesundheitlichen Bereich an, im Bereich der Pflege, in der Gastronomie sowie im kaufmännischen Bereich. Berufe im handwerklich-technischen Bereich sind eher die Ausnahme. Obwohl ein gestiegenes Interesse für den Girls’Day zu verzeichnen ist und großes Interesse bei den handwerklich-technischen Praktika gezeigt wird, fällt die Berufswahl bei den Mädchen dennoch eher traditionell aus.
Gerade im Handwerk scheint es schwer zu sein, traditionelle Rollenbilder zu überwinden, von Schülerseite, aber auch von betrieblicher Seite.
Wir sind gespannt darauf, wie sich in unserer neuen Verbundschule (mit der Realschule als hinzugekommener Schulform) die Berufsinteressen entwickeln und werden unseren Mädchen und Jungen - über die geschlechterbezogenen, traditionellen Berufe hinaus - auch in Zukunft ein breites Spektrum an beruflichen Interessen und Möglichkeiten eröffnen.