Magda_Spurk_medium.jpg

Magda Spurk ist stellvertretende Landesfachberaterin Deutsch am Max-Planck-Gymnasium in Saarlouis. Seit langer Zeit organisiert sie den Girls’Day mit großem Engagement: Unter anderem stellt sie den Kontakt zu den Betrieben her und stimmt sich mit den Fachlehrern über eine thematische Vorbereitung der Mädchen durch den Unterricht ab.

Seit wann beteiligen Sie sich am Girls’Day – Mädchen-Zukunftstag?

Das Max-Planck-Gymnasium Saarlouis beteiligt sich seit 2001 am Girls′Day.

Wie haben Sie den Tag organisiert? Wie haben Sie die Vor- und Nachbereitung des Girls’Day gestaltet?

Die Schülerinnen des 9. Schuljahres gehen bzw. fahren in Gruppen (je nach Betriebsvorgabe in unterschiedlicher Größe) in Begleitung einer Lehrperson zu den Betrieben bzw. Institutionen.

Am 23. April 2009 haben alle 62 Schülerinnen der Klassenstufe 9 am Girls′Day teilgenommen. Vor den Osterferien erfolgte ein Rundschreiben mit der Ankündigung. Den Mädchen wurden die Betriebe vorgestellt, und sie konnten ihren Favoriten auswählen. In den meisten Fällen konnte die erste Wahl berücksichtigt werden, lediglich für die Polizeiinspektion Saarlouis gab es mehr Interessentinnen als Plätze zur Verfügung stehen. Hier musste dann mit dem zweiten Vorschlag vorlieb genommen werden. Pro Klasse erfolgt immer eine Kontingentierung von vier bis sechs Schülerinnen, um eine Grüppchenbildung zu verhindern. Jede Schülerin erhält eine Auflistung mit Nennung des Betriebs, dem sie persönlich zugeteilt wird, mit Angaben über die öffentlichen Verkehrsmittel, die evtl. benutzt werden müssen, einschließlich Abfahrts- und Ankunftszeiten und entstehenden Kosten. Ein bzw. zwei Lehrer begleiten jede Gruppe, sodass auch der Aufsichtspflicht der Schule Genüge getan wird.
Die Vorbereitung erfolgt über verschiedene Fächer: Im Politikunterricht wird den Schülerinnen als Vorbereitung auf einen Besuch beim SR Medienkompetenz vermittelt. Der Chemie-, Physik- oder Biologieunterricht konzentriert sich als Vorbereitung auf den Besuch bei ZF oder dem DFKI auf das Erlernen technischer und naturwissenschaftlicher Handlungsabläufe. Mit den Fachlehrern der entsprechenden Fächer setze ich mich im Vorfeld des Girls′Days in Verbindung und bitte um entsprechende thematische Behandlung des Stoffgebietes. Die Schülerinnen berichten im Rahmen einer Nachbetrachtung ihren Mitschülern von den Erfahrungen und Erkenntnissen, die sie gesammelt haben.

Wie haben die Mädchen ihre Plätze gefunden? Haben Sie Kontakte zu Betrieben aufgebaut? Haben Sie mit einem regionalen Arbeitskreis des Girls’Day zusammengearbeitet?

Ich organisiere die Plätze für die Mädchen. Die Kontakte zu den o.g. Betrieben bestehen zum Teil seit acht Jahren, den Anfängen des Girls′Days im Saarland. Ich wende mich im November bzw. Dezember an die Betriebe bzw. Institutionen, um die Besuche für das darauffolgende Jahr zu vereinbaren.
In den Jahren 1999 und 2000 bestand das Modellprojekt „Perspektiven für Mädchen“, das von örtlichen und regionalen Bildungsträgern, z.B. VHS, in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Frauen, Gesundheit, Arbeit und Soziales und dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur durchgeführt wurde. In den Anfangsjahren des Girls′Days habe ich auch mit der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Saarlouis zusammengearbeitet.

Hatte der Girls’Day „Nachwirkungen“?

Langfristig hat der Girls′Day mit Sicherheit positive Nachwirkungen, denn Schülerinnen interessieren sich zunehmend für Naturwissenschaft und Technik. Auch viele Abiturientinnen beginnen ein Studium im naturwissenschaftlichen oder technischen Fachbereich. Verschiedentlich wird den Mädchen auch ein Praktikumsplatz in ihrem Girls′Day-Betrieb angeboten.

Welche Rolle spielt der Girls’Day an Ihrer Schule? Wie wird Berufsorientierung an Ihrer Schule umgesetzt?

Der Girls′Day kann Schülerinnen eine Orientierungshilfe bei ihrer Berufswahl bieten. Er ist ein Element im Rahmen der Berufsorientierung in der Mittelstufe und ergänzt die weiteren Aktivitäten der Schule bei der Berufswegeplanung. Er hat im Schulprogramm einen festen Bestand. Der Girls′Day bietet der Schule ein Forum über die Medien (Homepage des SR, im regionalen Fernsehprogramm des „Aktuellen Berichts“. „Aktuell“ oder in der Saarbrücker Zeitung – Bericht über den Girls′Day bei der Polizei vom 24.04.09) in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Des Weiteren wird der Kontakt zu wohnortnahen Betrieben gepflegt bzw. er kann ausgebaut werden. Diese Kooperation ist besonders für Praktika und Betriebsbesichtigungen mit einzelnen Klassen wichtig. Der Girls′Day kann Kompetenzen der Wirtschaft direkt in die Schule transferieren und damit ein Netzwerk bilden. In den Betrieben wird gerade an diesem Tag auch die emotionale Ebene bei der Berufswahl angesprochen; ebenso findet der doppelte Lebensentwurf (Beruf/Familie) Berücksichtigung und wird problematisiert. Der Girls′Day ist für unsere Schule ein wichtiges Element im Rahmen der Berufsorientierung in der Mittelstufe und ergänzt die weiteren Aktivitäten der Schule bei der Berufswegeplanung.

Berufsorientierung wird in der Klassenstufe 9, da wir ein naturwissenschaftliches Gymnasium sind, sehr stark auch durch Praktika und Betriebsbesichtigungen in den Fächern Physik, Chemie, Biologie ergänzt. Es werden viele Betriebsbesichtigungen bei Unternehmen in der Region sowie Projekte durchgeführt.
In der Klassenstufe 9 und der Jahrgangsstufe 11 finden am Ende des Schuljahres ein zwei- bzw. dreiwöchentliches Betriebspraktikum statt, während dessen sie von einem Lehrer besucht werden. Die Praktikanten der Klassenstufe 9 führen während des Praktikums ein Praktikumsheft, in dem sie neben allgemeinen betrieblichen Informationen über Arbeitsrecht und Jugendschutzgesetz auch Aufgaben vorfinden. Um das Praktikum in den Unterricht einzubinden, müssen die Schüler Beschreibungen jeweils über den allgemeinen Tagesablauf und eine besondere Tätigkeit, die sie im Betrieb ausgeübt haben bzw. häufig beobachten konnten und die typisch für diesen Betrieb ist, anfertigen. Ebenso muss ein Bericht über ein besonderes Ereignis, das sich während des Praktikums zugetragen hat, geschrieben werden. Diese Beschreibungen und der Bericht stellen Wiederholungen des Lernstoffs im Fach Deutsch dar und werden im Rahmen des Deutschunterrichts von den Lehrern der Klassenstufe 10 bewertet. Die Schüler werden auch aufgefordert, ihre Tätigkeit während des Praktikums bildlich mit Fotos und kurzen Beschreibungen auf einer Plakattafel festzuhalten. Die besten Dokumentationen werden prämiert und in der Schule ausgestellt.

Was raten Sie anderen Lehrerinnen und Lehrern, die den Girls’Day an ihrer Schule durchführen möchten?

Ich rate den Lehrern, Kontakte mit Betrieben aufzunehmen. Wichtig ist, dass Schulleitung, Kollegium und die Schülerinnen für die Sache sensibilisiert werden und das Vorgehen befürworten. Die Ein- bzw. Zuteilung der Schülerinnen einer ganzen Klassenstufe unter Berücksichtigung ihres Wunschbetriebes und der vorgegebenen Teilnehmerzahl einerseits und der Logistik andererseits ist zeitaufwendig und verursacht etwas Arbeit.

Wie kann verhindert werden, dass Mädchen ihre Fähigkeiten in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern unterschätzen? Welche Maßnahmen werden dazu an Ihrer Schule ergriffen?

Ganz besonders wichtig sind weibliche Vorbilder in leitender Funktion in den Betrieben, so wie dies den Schülerinnen beim SR, der Polizei oder beim DFKI am Girls′Day verdeutlicht wird. Auch Lehrerinnen mit den MINT-Fächern sind Vorbilder. Im Unterricht sollte die etwas längere Redezeit der Mädchen Berücksichtigung finden, um der allgemeinen Zurückhaltung (vor allem in den Jahren der Pubertät) und den verschiedenen Charakteren zu entsprechen.
Auch Eltern sind Vorbilder! Sie sollen daher über ihre eigenen eventuellen Minderleistungen im mathematisch- technischen Bereich zu neutralen Äußerungen bewegt werden. Das Konzept, Probleme im Zusammenhang mit einem größeren Kontext zu beobachten, wie z.B. bei "Piko“, Physik im Kontext, "Chik", Chemie im Kontext, verschafft Mädchen Vorteile, da sie ihre Sprachkompetenz in ihrer Fähigkeit der ganzheitlichen Beobachtung zu einer Lösung einbringen können.

Warum sollte es Ihrer Meinung nach einen Girls’Day geben?

Am Girls′Day bieten die Betriebe den Schülerinnen ein attraktives Programm, das ihnen erlaubt, einen Einblick in den Praxisalltag zu gewinnen. Die Mädchen können sich an diesem Tag ohne die „männliche Dominanz“ ihrer Mitschüler in technischen Berufsfeldern umschauen und weibliche Vorbilder kennenlernen, die nicht dem typischen Rollenverständnis der Geschlechter entsprechen. Damit steigt die Anzahl ihrer Option für die Berufswahl und auch die Chancen für eine glückliche und richtige Wahl, einen erfüllenden Beruf und insgesamt ein selbstbestimmtes Leben.

Was haben die Jungen am Girls’Day gemacht?

Seit drei Jahren führen wir zeitgleich am Girls′Day auch einen Boys′Day („Neue Wege für Jungs“) durch. Im Jahr 2009 besuchten neben den 62 Mädchen 107 Jungen in vier Gruppen, begleitet von jeweils einer Lehrperson, anteilig aus allen sechs Klassen – nach eigenen Wünschen - das Staatstheater Saarbrücken (32 Schüler), die Pflegeabteilung (14) und das Labor (31) des St. Theresia-Krankenhauses und die St.Elisabeth-Klink Saarlouis (30). In den letzten beiden Jahren standen den Schülern auch das SOS-Kinderdorf Hilbringen, die Krankenpflegeschule Saarlouis und das Hotel-Restaurant Maldix in Nalbach zur Auswahl.
Ziel ist es, den Schülern Berufe der Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft näher zu bringen, denn beim Berufseinstieg spielen die sog. „Soft Skills“, die bisher weitgehend der Frau zugeschrieben wurden, als Schlüsselkompetenzen eine bedeutende Rolle. Zu diesen im Berufsleben wichtigen sozialen, methodischen und kommunikativen Kompetenzen gehören Team- und Konfliktfähigkeit, Einfühlungsvermögen, Eigeninitiative und Entscheidungsfreudigkeit. Gerade die Empathie ist nur selten im beruflichen Konzept von Jungen integriert. Ihre Bedeutung im beruflichen Alltag will der Boys′Day verdeutlichen.

Wie sehen die Berufswünsche der Jugendlichen an Ihrer Schule aus? Beobachten Sie Veränderungen im Berufswahlverhalten durch Aktionen wie den Girls’Day oder Neue Wege für Jungs?

Viele Schüler interessieren sich – entsprechend der Ausrichtung unserer Schule als naturwissenschaftliches Gymnasium – auch berufsmäßig für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, die MINT-Fächer.
Langfristig gesehen wird der Girls′Day und der Boys′Day mit Sicherheit positive Auswirkungen haben. Ein Schüler oder eine Schülerin kann aber auch zu der Erkenntnis kommen, dass er oder sie in einem bestimmten Beruf, den man näher kennengelernt hat, nicht arbeiten will. Auch das ist eine positive Rückmeldung.

Quelle: www.girls-day.de/Schulen/Praxis/Erfahrungsberichte/Max-Planck-Gymnasium_Saarlouis


Bundesweite Koordinierungsstelle Girls’Day – Mädchen-Zukunftstag
© 2001-2012 | Kompetenzzentrum Technik – Diversity – Chancengleichheit e.V.