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Elena Shalman ist 33 Jahre alt. Mit 18 Jahren kam sie aus Russland nach Deutschland ohne ein Wort Deutsch sprechen zu können. Heute ist die Diplom-Informatikerin als Selbstständige im Bereich Strategische Konzeption und Informationsarchitektur tätig.

Frau Shalman, Sie kamen mit 18 Jahren nach Deutschland, da hatten Sie Ihr Abitur an einem mathematischen Gymnasium in der Tasche. Warum kehrten Sie Russland den Rücken?
Ich habe nach dem Studium die Möglichkeit bekommen, nach Deutschland auszuwandern und habe sie einfach genutzt. Mir ging es gar nicht darum, unbedingt Russland zu verlassen oder in Europa zu leben. Ich war nur blutjung, hatte mein ganzes Leben vor mir und wollte es ausprobieren. Ich wusste ich will Studieren. Warum dann nicht in Europa? Das war also nur ein Experiment .. Vor allem weil ich bei der Einreise kein Wort Deutsch beherrschte.

Mädchen und junge Frauen, die mathematisch-naturwissenschaftliche Schulen besuchen und später Mathe, Informatik oder Physik studieren – in Russland ist das keine Seltenheit, in Deutschland schon. Können Sie sich vorstellen warum?
Ich schätze, es hat was mit der klassischen Rollenverteilung in Deutschland zu tun, das viele Jahre in Deutschland herrschte. Nach dem Wirtschaftswunder waren die meisten Frauen zuhause – bei der Familie. Die Frauen dieser Generation hatten als Hauptaufgabe eingeprägt bekommen, eine gute Hausfrau und Mutter zu sein. Da geht man doch nicht in ein naturwissenschaftliches Studium sondern entscheidet sich für eine zugänglicheren Beruf. Das Bewusstsein für diese Bereiche wurde erst bei den Frauen unserer Generation geweckt, es dauert aber bestimmt, bis es normal wird, dahin entwickelt es sich ja gerade.

In Russland sieht es anders aus: Die Frauen werden erzogen, beide Aufgaben unter ein Hut zu bringen. Das ist meiner Meinung nach der Grund für die hohe Frauenquote in naturwissenschaftlichen Berufen. Zudem neigen wir, glaube ich, eher zu pragmatischen Berufsentscheidungen, mit Hand und Fuß.

Nach einem intensiven Deutschkurs in München studierten Sie Informatik an der LMU – wieso entschieden Sie sich für diesen Studiengang?
Da ich Mathe-Schwerpunkt auf dem Gymnasium hatte, wusste ich, dass mir logisches und analytisches Denken liegt und ich mich gerne Herausforderungen stelle. Zudem fand ich den Menschen an sich, Medien und Kommunikation sehr spannend. So habe ich mich für die Informatik und Psychologie entschieden, das war eine sehr charmante Mischung für mich. Wie gesagt, ich bin eher pragmatisch an die Studienwahl heran gegangen – ich wollte meine Stärken aufgreifen und mir möglichst viele Türe offen lassen. Im Nachhinein kann ich sagen, dies hat den Zweck erfüllt.

Dann der Wechsel an die Uni Bielefeld. Warum?
Der Liebe wegen! Es hat sich aber auch vom Studium her sehr gut für mich entwickelt – An der Uni Bielefeld habe ich als Studentin in einer wissenschaftlichen Gruppe gearbeitet und mich mit der künstlichen Intelligenz beschäftigt. Und natürlich ein paar gute Freunde kennengelernt.

Hatten Sie viele Kommilitoninnen oder waren Sie eher von Männern umgeben?
Bei den Informatik-Vorlesungen und Seminaren waren Frauen eher die Ausnahme. Vor allem im Hauptstudium – viele Mädchen haben im Grundstudium aufgegeben. Bei der Psychologie sah es genau umgekehrt aus. Ich persönlich habe keine Schwierigkeiten damit, in der Minderheit zu sein. Natürlich wird man als eine der wenigen Frauen besonders von den Kommilitonen geschätzt – schließlich hat eine gute Männer-Frauen-Mischung eine ganz positive Auswirkung auf unsere Leistung und steigert auch die Motivation. So geht es auch mir selbst.

Hatten Sie Ihr berufliches Ziel während Ihres Studiums immer fest vor Augen?
Wenn man nicht gerade Medizin oder Jura studiert oder eine eindeutige Ausbildung macht, kann man, glaube ich, das Berufsziel nicht vor Augen haben. Das Studium prägt und baut die Fähigkeiten aus. Das Berufsbild entsteht im Beruf. Ich hatte ganz unterschiedliche Ideen zu meiner Tätigkeit und wollte zu einer Online-Agentur gehen. Zum Glück habe ich ganz schnell meinen ersten Arbeitgeber gefunden und dort einiges ausprobieren können. Und nach einem halben Jahr wusste ich, dass ich mich mit der Online-Konzeption und Beratung beschäftigen möchte. Und das mache ich bis heute.

Mit gerade einmal 33 Jahren haben Sie schon als Senior-Konzeptioniererin in namhaften Agenturen gearbeitet, und machten sich im vergangenen Jahr selbstständig. Können Sie kurz beschreiben, wie Ihr Arbeitsalltag heute aussieht?
Ich arbeite hauptsächlich für die Agenturen, auf freiberufliche Basis. Das bedeutet, ich werde für konkrete Projekte ins Boot geholt oder muss für das Projekt einen Kunden übernehmen und inhaltlich betreuen. Manchmal werde ich von Unternehmern direkt gebucht, um sie bei den Online-Themen zu beraten. Seit ein paar Monaten habe ich ein Platz im Gemeinschaftsbüro, dass ich mit anderen Freiberuflichen teile. Meistens arbeite ich dort. Oft reise ich zu Präsentationen. Das ist ganz schön aufregend. Seit ich selbständig bin, kann ich allerdings mein Alltag besser bestimmen – ich arbeite auf ein Ergebnis hinaus, nicht auf die Zeit.

Haben Sie noch berufliche Visionen/Träume?
Ich mache meinen Job leidenschaftlich gerne. Ich kann mir aber vorstellen, etwas anderes zu machen. Ich lasse mich überraschen.

Sie sind auf der Karriereleiter schon ziemlich weit oben – passen Kinder in das Leben einer Karrierefrau? Oder muss man sich entscheiden Kind oder Karriere?
Ich sehe das nicht so eng. Man sollte generell die Prioritäten öfter überdenken, unabhängig von der Kinderplanung – Kinder sind nicht der einzige Grund, weniger zu arbeiten und mehr Privatleben zu genießen. Entscheidung für die Kinder bedeutet nicht Entscheidung gegen Beruf. Wie man aber das Berufsleben dann mit Kindern ausgestaltet, hängt von individuellen Wünschen ab. Wie sich eine Mutter fühlt, kann man nur als Mutter nachvollziehen. In mein Leben sollen auf jeden Fall Kinder und spannende berufliche Aufgaben passen.

Wieso entscheiden sich in Deutschland so wenige Frauen für einen technischen oder naturwissenschaftlichen Beruf?
Aus Angst, dass es zu schwer sein wird. Es ist auch schwer, aber nur am Anfang und wird immer besser. Und von denen die es doch wagen, geben sehr viele sehr schnell auf. Schade. Ich finde diese Sparte ganz attraktiv auch als Mutter. Man wird Spezialistin und kann auch reduzierter arbeiten.

Was muss getan werden, damit sich mehr Frauen für eine berufliche Zukunft im naturwissenschaftlich-technischen oder handwerklichen Bereich entscheiden?
Ich finde es wird schon einiges getan und es geht schon in die richtige Richtung. Es gibt viele Förderprogramme und man bemüht sich, die Vorurteile abzubauen. Einfach weiter machen. Es dauert einfach.

Frau Shalman, vielen Dank für das Interview.

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