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Interview Kathrin Hinze

Kathrin Hinze
Girls'Day und der BundesElternRat

Kathrin Hinze ist erweitertes Mitglied im Vorstand des BundesElternRates. In der DDR hat sie Informatik und Wirtschaft studiert und ihr Studium mit dem Grad „Ingenieurökonom“ abgeschlossen. Jetzt ist sie als Standortverantwortliche bei einem Bildungsträger tätig, der sich mit dem Spektrum von der Berufsorientierung bis zur Wiedereingliederung beschäftigt. Sie ist Mutter von zwei Töchtern, die sich inzwischen im Studium bzw. in der Ausbildung befinden.


  • Welche Bedeutung haben Ihrer Meinung nach die Eltern im Berufswahlprozess ihrer Kinder?

Einen sehr hohen Bedeutungsgrad. Ich sehe das in meiner täglichen Arbeit. Wir machen hier vor Ort Berufsorientierung und hören ganz oft, dass die Schüler mit einer Meinung der Eltern kommen bzw. dass dann gesagt wird: "Mein Papa oder meine Mutti hat gesagt, ich soll doch das und das werden". Die Kinder werden also schon sehr vom häuslichen Umfeld geprägt, dann spielen noch die Großeltern oder die älteren Geschwister eine Rolle. Der Einfluss der Eltern ist in jedem Fall sehr hoch.

  • Können Sie feststellen, ob Eltern ihre Töchter im Berufswahlprozess evtl. anders begleiten als ihre Söhne?

Hier in den neuen Bundesländern kann ich das bejahen. Das ist auch ein Thema, was ich immer anspreche, wenn es in Richtung Girls'Day geht. Wir haben ja in den neuen Bundesländern einen etwas anderen Werdegang. Da spielt der ehemalige Beruf, den die Mütter mal hier ausgeübt haben, eine große Rolle. Frauen, die irgendwann z.B. Chemie, Elektrotechnik, Maschinenbau studiert haben und die nach der Wende arbeitslos geworden sind bzw. schwer wieder in den Beruf reingekommen sind, beeinflussen ihre Töchter schon dahin gehend, dass sie ihnen nicht zu diesen Richtungen raten - einfach wegen der schlechten eigenen Erfahrungen beim Wiedereinstieg.

  • Zu welchen Bereichen raten denn dann diese Eltern ihren Töchtern?

Da kommt dann wieder dieses typische Mädchen-Jungs-Klischee zum Vorschein. Wenn die Mütter schlechte Erfahrungen gemacht haben, werden die Töchter eher wieder in Richtung der frauentypische Berufe beeinflusst: "Dann werde doch Verkäuferin oder Friseurin oder geh in den Handel". In unserer täglichen Arbeit merken wir aber, dass auch durch die vielen Kampagnen und die starke Medienpräsenz der MINT-Berufe ein Aha-Effekt bei den Eltern eintritt. Dass sich Eltern über die vielfältigen Möglichkeiten der Studienrichtungen oder Ausbildungsberufe nicht bewusst sind und dann zu Ihren Kindern sagen: "Dann hat das jetzt vielleicht doch wieder Zukunft und du bist auch in der Richtung ein bisschen begabt. Na dann versuch doch einfach in der Richtung (z.B. Solar) was zu machen." Auch bei uns in Sachsen-Anhalt laufen zurzeit verschiedene Projekte, durch die Mädchen an MINT-Berufe herangeführt werden sollen, aber es ist immer noch sehr schwierig.

  • Über 70% der Mädchen wählen immer noch aus nur ungefähr 10 Ausbildungsberufen aus, darunter z.B. Friseurin oder Einzelhandelskauffrau. Unter den meist gewählten Ausbildungsberufen ist kein technischer Beruf. Was können Eltern machen, um die Töchter zu unterstützen, ihr Berufswahlspektrum auch auf eher untypische Berufe zu erweitern?

Zum einen liegt das an dem Hintergrund und dem Bezug den die Eltern dazu haben. Es gibt Eltern, die sich viel kümmern, ihre Kinder unterstützen, zur Berufsberatung gehen und den Prozess auch begleiten. Aber dann gibt es auch Eltern die sagen: "Ist mir doch egal was du machst!". Um so wichtiger ist es, Eltern mit in den Berufsorientierungsprozess einzubeziehen und zu informieren.

  • Sie sind in der Lenkungsgruppe des Girls'Day - Mädchen-Zukunftstags und im Bundeselternrat. Warum engagiert sich der Bundeselternrat für den Girls'Day?

Weil wir merken, dass dieses Thema nach wie vor sehr wichtig ist. Wir sind auch in anderen Gremien, in denen es immer wieder darum geht, Frauen in den technischen und naturwissenschaftlichen Berufszweigen Chancen zu eröffnen. Wir müssen unser Netzwerk Bundeselternrat dazu nutzen die Eltern darüber zu informieren. Deshalb unterstützen wir den Girls'Day und möchten ihn vorantreiben.

  • Warum ist der Girls'Day wichtig? Warum sollte es ihn geben?

Weil immer noch zu viele Mädchen in frauentypische Berufe gehen und das Untypische eher nicht wählen, obwohl das ja interessante und zukunftsgestaltende Berufe sind.

  • Sie selbst haben ein technisches Studium absolviert. Warum glauben sie wählen heute immer noch wenige junge Frauen ein Studium oder eine Ausbildung im technischen Bereich, obwohl dort gute Zukunftsaussichten und gute Verdienst- und Aufstiegschancen vorhanden sind?

Also ich denke das hat zwei Ursachen: Mädchen werden in der Schule schon zu wenig gefördert, gerade in den naturwissenschaftlich-technischen Bereichen. Sie können z.B. leicht Fächer abwählen. Oft spricht der Unterricht Mädchen nicht an, weil er zu jungenspezifisch ist und in den naturwissenschaftlichen Fächern auch zu wenige Lehrerinnen als Vorbilder sind.
Außerdem können oftmals Schüler und Eltern mit den neuen Berufs- oder Studienabschlüssen zu wenig anfangen. Sie können sich nicht vorstellen, was sich hinter Begriffen wie „Automotive Engineering“ verbirgt und welche Tätigkeiten im Berufsleben damit verbunden sind. Das ist dann eher abschreckend. Nur wenige Schüler, die in den naturwissenschaftlichen Fächern gut sind, schlagen dann diese Studienrichtungen ein. Obwohl diese vielleicht auch für viele andere interessant gewesen wären.

  • Was muss passieren um Mädchen und junge Frauen für diese Berufsbereiche zu interessieren und wer sollte handeln? Sind das Schulen und Lehrer, die Eltern, die Unis mit ihren Studiengängen oder auch die Ausbilder in den Betrieben?

Also ich denke jeder muss handeln! Aber man muss einfach eine Plattform finden, dass nicht jeder separat was macht sondern es müssen alle zusammen was machen - nur dann funktioniert es! Aktionen wie Tage der offenen Tür an Hochschulen oder Tage des Berufs in Betrieben sollten in Kooperation mit den Schulen und Lehrkräften erfolgen, damit sie nachhaltiger und motivierender sind. Ich denke mir das ist auch das große Problem was wir in Deutschland haben und das sehe ich immer wieder, ich bin auf so viel Veranstaltungen und bin in soviel Gremien, aber oftmals weiß der eine nicht was der andere tut und das ist denk ich mir ein großes Defizit!

  • Was könnte förderlich oder hilfreich sein damit Eltern auch den bisher „frauenuntypischen“ Berufsbereichen - also Technik, Naturwissenschaft oder Handwerk - aufgeschlossener sind?

Was müsste passieren? Also ich denke mir einfach ein bisschen mehr Aufklärung über neue Berufe, welche Einsatzmöglichkeiten ihre Kinder dann haben, welche Erfolgschancen sie überhaupt dann auf dem Arbeitsmarkt haben. Es muss einfach mehr Aufklärung passieren, dass es gerade in den MINT-Berufen tolle Möglichkeiten und tolle Chancen für junge Frauen und Mädchen gibt!


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